Die mutigsten Entscheidungen sehen von außen oft unspektakulär aus. Es sind keine großen Sprünge, sondern kleine innere Verschiebungen – und genau sie bringen ein Business manchmal am weitesten voran. Im Aufruf zu ihrer Blogparade fragt Hilke Barenthien Selbständige wie mich nach solch mutigen Entscheidungen. Meine Antwort ist keine einzelne Geschichte, sondern eine Haltung, für die ich mich immer wieder neu entscheide: dem Prozess zu vertrauen.

Die Kontrolle loslassen

Dem Prozess zu trauen bedeutet unter anderem, die Kontrolle loszulassen, den perfektionistischen Anteil in ab und zu in seine Schranken zu verweisen und zu akzeptieren, dass Dinge auch mal anders verlaufen als geplant.

Klar, am Anfang einer Selbständkeit ist es wichtig, die Dinge unter Kontrolle zu halten: einen Businessplan schreiben, Gründungszuschuss beantragen, Geschäftskonto anlegen, Steuernummer anfordern. In dieser Phase war ich froh, dass viele andere den Weg vor mir gegangen sind und ich die erforderlichen Schritte einfach abarbeiten musste.

Dann war ich freie Lektorin. Und plötzlich gab es keine Checkliste mehr.

Natürlich verschlang ich alles, was ich über Positionierung finden konnte. Ich stellte mir dieselben Fragen wie viele Selbstständige: Muss ich mich auf ein Genre festlegen? Ist mein Angebot zu breit? Bin ich spitz genug aufgestellt? Je mehr Antworten ich suchte, desto deutlicher wurde mir jedoch: Keine Expertin konnte mir diese Entscheidung abnehmen.

Du sitzt am Schreibtisch.
Du hast fünf Positionierungsartikel gelesen.
Jeder sagt etwas anderes.
Du klappst den Laptop zu und denkst:

„Und jetzt?“

Die Antwort lautet:

Ich muss nicht mein Business finden. Ich muss herausfinden, welche Lektorin ich sein will.

Und dabei ist es wenig hilfreich, die sein zu wollen, von der ich glaube, dass andere sie erwarten.

Schon die Grammatik dieses Satzes verrät, wie verworren dieser Gedanke ist. Wer möchte schon die Person werden, von der er glaubt, dass andere sie erwarten? Als Lektorin wollte ich die werden, die ich wirklich bin.

So lernte ich, mit einem weiteren Aspekt von „dem Prozess vertrauen“ umzugehen:

Ungewissheit annehmen, Offenheit bewahren, Geduld kultivieren

Ich bin im Sternzeichen Widder geboren und neige eher dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen als geduldig abzuwarten. Umso erstaunlicher ist es für mich selbst, wie viel Freude ich inzwischen daran habe, neugierig zu beobachten, was sich unterwegs zeigt. Denn manches wird tatsächlich erst sichtbar, wenn man sich schon auf den Weg gemacht hat.

Seit ich mir erlaube, dem Prozess zu vertrauen, entwickelt sich mein Business von innen heraus. Dabei sind Dinge entstanden, die ich nie am Reißbrett geplant hätte. Zum Beispiel mein Blog – den ich bezeichnenderweise mit Hilfe von Judith Peters begonnen habe. Ihr Claim ist bekanntermaßen „Blog like nobody’s reading“. Und das passt ganz wunderbar zu meiner Einstellung. In Judiths „The Content Society“ schreibe ich seit Anfang 2026 Artikel, die mir selbst wichtig sind. Mit meinem Jahresrückblick 2025 habe ich einen Selbstfindungsprozess angestoßen. Bloggend lerne ich mich immer besser kennen und zeige mich nebenbei so, wie ich eben bin. So entsteht die Lektorin Bettina. … Nicht, weil als Teil eines perfekten Marketingplans. Sondern wie von selbst.

Mittlerweile kommen neue KundInnen auf mich zu und sagen, sie hätten mich „im Internet gefunden“, mein Profil hätte sie angesprochen, ihnen gefiele, was ich schreibe. In solchen Momenten merke ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Mein Business darf sich entwickeln – wie ein Roman

Wenn ich es mir genau überlege, dann möchte ich mein Business mit derselben Haltung betrachten, wie ein Manuskript, das mir anvertraut wird. Ein Roman zeigt selten schon auf den ersten Seiten sein ganzes Potenzial. Figuren entwickeln sich. Zusammenhänge werden sichtbar. Manche Ideen entpuppen sich als Sackgasse, andere wachsen über sich hinaus. Genau deshalb würde ich nie verlangen, dass ein Manuskript von Anfang an perfekt ist.

Warum sollte ich mit meinem eigenen Business strenger sein?

Ich weiß heute noch nicht, wohin mich mein Business in fünf Jahren führen wird. Vielleicht werde ich mich spezialisieren. Vielleicht entstehen Angebote, die ich heute noch gar nicht erahne. Vielleicht überrascht mich mein eigener Weg noch einmal ganz neu.

Was ich aber weiß: Ich möchte ihm mit derselben Geduld begegnen wie einem guten Manuskript: Nicht alles kontrollieren. Sondern aufmerksam bleiben für das, was wachsen möchte.