„Paris ist immer eine gute Idee“ – da stimme ich mit Audrey Hepburn zu hundert Prozent überein. Und diesmal führte mich die Reise nicht nur nach Paris, sondern auch zurück zum eigenen Schreiben. Ich wollte Gateless Writing kennenlernen – eine Methode, die Schreiben und wertschätzendes Feedback miteinander verbindet.

Am Ende der Woche nahm ich viel mehr mit nach Hause als neue Impulse für mein eigenes Schreiben: Ich kehrte mit einem anderen Blick auf Geschichten zurück; mit einem neuen Verständnis dafür, wie sich Schreiben anfühlt; und mit einigen Erkenntnissen, die auch meine Arbeit mit AutorInnen prägen werden.

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Als Lektorin lese ich Manuskripte, analysiere Strukturen, spüre Stolperstellen auf und unterstütze AutorInnen dabei, ihre Geschichten klarer, stärker und stimmiger zu erzählen.

Für meine Paris-Reise habe ich die Seite gewechselt: von meinem Lektorinnen-Ich zu meinem Autorinnen-Ich.

Ein Woche lang wollte ich ganz bewusst meine „innere Quelle“, meinen „künstlerischen Brunnen“ füllen – die Begriffe stammen aus Julia Camerons legendärem Buch „Der Weg des Künstlers“. Paris ist dafür wie geschaffen! Darüber schreibe ich weiter unten.

Besondere Glücksgefühle hat es in mir ausgelöst, ausgerechnet in Paris an einem Schreibworkshop von Christine Kämmer teilnehmen zu können. Mein Autorinnen-Ich wurde gehegt und gepflegt. Es bekam Schreibimpulse, wurde an inspirierende Orte geführt, entdeckte neue Perspektiven und fand sich in der Gemeinschaft von anderen Schreibenden wieder … Herz, was begehrst du mehr?

Und dann war ich auch nicht mehr nur diejenige, die Rückmeldungen gibt. Ich war auch diejenige, die ihren Text vorliest. Diejenige, die gespannt darauf wartet, wie andere darauf reagieren. Die hofft, verstanden zu werden. Die sich fragt, ob eine Szene funktioniert. Und ich erinnerte mich daran, wie verletzlich sich das manchmal anfühlen kann.

Und ich erinnerte mich daran, wie verletzlich sich das manchmal anfühlen kann.

Gleichzeitig machte ich eine Erfahrung, die mich nachhaltig beeindruckt hat: Beim Gateless Writing geht es zunächst nicht darum, Schwächen zu finden oder Verbesserungsvorschläge zu machen. Im Mittelpunkt steht wertschätzendes Feedback 💝

Was Gateless Writing mit mir gemacht hat

Als Christine Kämmer, die Gateless Writing direkt von Suzanne Kingsbury gelernt hat, uns gefragt hat, was wir uns von dem Workshop wünschen, habe ich gesagt: „meine eigene Schreibstimme neu entdecken“. Kaum ausgesprochen, merkte ich, wie wichtig mir dieser Wunsch eigentlich war. Meine Schreibstimme habe ich nämlich lange Zeit sträflich vernachlässigt. Habe sie anderen Anforderungen untergeordnet: dem wissenschaftlichen Schreiben an der Uni, dem journalistischen Schreiben im Beruf und später auch den Erwartungen an eine Ghostwriterin untergeordnet.

Gatesless Writing, im Deutschen auch als „Schreiben ohne Schranken“ bezeichnet – wobei es sowohl um äußere als auch um innere Schranken geht – hat sich als wirklich hilfreiche Methode erwiesen.

  • Erst mal entspannen!
    Zu Beginn jeder Schreibeinheit steht eine kurze Entspannungsübung. Das macht Sinn, denn dadurch kommt man viel leichter zu sich und kann im Folgenden auch authentischer schreiben.
  • Kleiner Impuls, gefällig?
    Wer möchte, kann sich von einem Schreibimpuls inspirieren lassen, der am Ende der Entspannungsübung gegeben wird. Wer das Bedürfnis verspürt, etwas ganz anderes zu Papier zu bringen, macht genau dies.
  • Geschützter Raum, begrenzte Zeit
    Nun haben alle fünfzehn bis zwanzig Minuten Zeit in Stille und bestenfalls von Hand zu schreiben. Ohne Schranken, ungehemmt …
  • Wow, was für tolle Texte!
    Ganz besonders am Gateless Writing ist die Art des Feedbacks. Jeder Teilnehmer kann seinen Text vorlesen, die Anderen hören aufmerksam zu. Anschließend melden sie ausschießlich das zurück, was sie berührt hat. Also Textstellen, die nachklingen, Bilder, die im Gedächtnis bleiben, Sätze, die etwas auslösen.

Für mich war das eine spannende – und wohltuende – Erfahrung. Nicht, weil ich kritisches Feedback ablehne – im Gegenteil. Als Lektorin weiß ich, wie wichtig es ist. Aber diese Woche hat mir gezeigt, wie viel Kraft darin liegen kann, zuerst wahrzunehmen, was bereits funktioniert. Was schon da ist. Welche Bilder wirken. Welche Sätze Menschen berühren.

Genau das möchte ich als Lektorin Schreibenden auch schenken. Mit dieser Haltung gehe ich an Manuskripte heran. Bevor ich Fragen stelle oder Verbesserungsvorschläge mache, richte ich den Blick auf das, was bereits gelungen ist. Erst danach schauen wir gemeinsam, wie der Text noch klarer, stärker und stimmiger werden kann.

Paris als Stadt der Geschichten

Natürlich habe ich in Paris nicht nur geschrieben. Immer wieder zog es mich hinaus in die Stadt, die Inspirationen auf Schritt und Tritt bereit hält. Ich habe zwei wundervolle Ausstellungen besucht, die Nuit blanche miterlebt und die Installation von JR auf der Pont Neuf gesehen.

Vor allem aber habe ich Orte aufgesucht, die mit Literatur verbunden sind. Im Moment lese ich „Die Buchhändlerin von Paris“ von Kerri Maher. Darin wird die Geschichte von Sylivia Beach erzählt, die 1919 in Paris die Buchhandlung Shakespeare and Company eröffnet , James Joyces „Ulysses“ veröffentlicht und überhaupt in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eine wichtige Rolle in der Literaturszene gespielt hat. Im 5. und 6. Arrondissement von Paris finden sich etliche Zeugnisse aus dieser Zeit, und so bin ich dort auf den Spuren der sogenannten Lost Generation gewandelt.

Zwei Entdeckungen habe ich auch gemacht: Im Shop des Maison de Victor Hugo musste ich einfach das Buch „À Paris – Sur les pas des personnages de romans“ mitnehmen. Dabei handelt es sich um einen Reiseführer der besonderen Art – er folgt nicht etwa den Spuren berühmter Persönlichkeiten, sondern den Spuren literarischer Figuren. Zum Beispiel: Astérix, Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds „Parfum“ oder den fiktiven Ermittlern Maigret (von Georges Simenon), Nestor Burma (von Léo Malet) und Adamsberg (von Fred Vargas).

Außerdem entdeckte ich zufällig ein Hinweisschild auf die Bibliothèque des littératures policières – die Krimibücherei. Laut Wikipedia ist es die einzige französische und europäische Einrichtung, die der Bewahrung und Förderung der Krimiliteratur gewidmet ist. Mich hat dieser Ort sofort magisch angezogen. Vielleicht, weil Krimis mich schon lange begleiten. Ich lese sie, höre sie, lektoriere sie – und arbeite gerade selbst an meinem ersten Kriminalroman. Dieses Mal konnte ich mich in der „Bilipo“ nur kurz umsehen – bei meinem nächsten Paris-Besuch möchte ich mir ausgiebig Zeit nehmen, dort zu schmökern, zu recherchieren und womöglich auch zu schreiben.

Auch unter den anderen Teilnehmenden des Workshops drehte sich vieles um Literatur. Von meiner Mit-Schreibenden Susanne Pohl habe ich gleich zwei Buchtipps erhalten, beide Bücher stammen von Lauren Elkin. In „Flaneuse“ nimmt die Autorin ihre LeserInnen mit auf Spaziergänge durch New York, Tokio, Venedig und vor allem Paris. Und in „Nr. 91/92“ sieht und beschreibt sie Paris von den Buslinien Nr. 91 und 92 aus. Die Bücher sind noch auf dem Weg zu mir, und ich freue mich schon sehr darauf, Paris bequem vom Sofa aus erkunden zu können.

Die Schreibreise nach Paris hat mir wieder sehr bewusst gemacht: Geschichten verändern unsere Wahrnehmung von Orten. Wer einen Roman gelesen hat, sieht eine Stadt mit anderen Augen. Plötzlich werden Straßen zu Schauplätzen. Häuser erzählen Geschichten. Und aus einem einfachen Spaziergang wird eine literarische Entdeckungsreise.

Was ich für meine Arbeit mit AutorInnen mitgenommen habe

Paris hat mich einmal mehr daran erinnert, warum ich diesen Beruf liebe:

  • weil Geschichten Menschen bewegen,
  • weil Schreiben Mut braucht,
  • weil hinter jedem Manuskript ein Mensch steht, der etwas zu erzählen hat, und
  • weil gute Begleitung für mich bedeutet, nicht nur Fehler zu finden, sondern auch Potenziale sichtbar zu machen.

Vielleicht war genau das mein wichtigstes Learning dieser Woche:

Je besser wir verstehen, wie sich Schreiben von innen anfühlt, desto besser können wir andere dabei begleiten.

Deshalb bin ich froh, dass ich für ein paar Tage die Seiten gewechselt habe. Dass ich in Paris nicht Lektorin war, sondern wieder ganz bewusst Autorin. Denn diese Erfahrung erinnert mich daran, wie viel Mut im Schreiben steckt – und wie wichtig es ist, sich dabei gesehen zu fühlen.

Und du?

Was füllt momentan deinen kreativen Brunnen?
Ich freue mich auf deine Gedanken.