Ich kenne den Weg vom Manuskript zur Veröffentlichung aus zwei Perspektiven. Ich bin ihn selbst gegangen – und ich begleite heute Autorinnen und Autoren auf diesem Weg. Hier nehme ich die Blogparade von Lily Nickert zum Anlass, die Schlüsselmomente dieses Weges genauer zu beleuchten – auch wie sie sich unterscheiden, je nachdem, ob ich selbst schreibe oder ein Manuskript als Lektorin begleite.
Die Idee wird zur Geschichte
→ als Autorin:
Die Entstehung meines ersten eigenen Buchprojekts ist eigentlich eine Geschichte für sich. Ich erzählte einem Freund, dass ich ein Buch schreiben wolle bzw. gerade damit begänne. Er gestand mir, dass er das auch vorhabe – irgendwann einmal. Als er das erste Kapitel von mir zum Testlesen bekam, war das auch für ihn der Startschuss. Wir haben uns gegenseitig Texte geschickt und auf einmal war ich in seinem Buch mit drin! Wir haben dieses Buch zusammengeschrieben und veröffentlicht. Also aufgepasst: Manchmal weiß man am Anfang überhaupt nicht, welche Geschichte man gerade beginnt.
Jedenfalls beginnt eine Geschichte nicht unbedingt mit dem ersten Satz. Manchmal beginnt sie mit einem Gespräch …
→ als Lektorin:
Das habe ich auf der „anderen Seite“, als Lektorin erlebt. Da gab es schon einige wunderbare Momente während eines AutorInnen-Plauschs: Ich spreche mit der Autorin/dem Autor – und plötzlich beginnen die Augen zu funkeln. 😊 Dann haben wir die Geschichte freigelegt, und dann kann die Autorin/der Autorin sein Schreibabenteuer beginnen.
„Jetzt wird es ernst“
→ als Autorin:
Wie spannend es doch war, als Ghostwriterin meinen ersten Vertrag von einem Verlag zugeschickt zu bekommen; ich hatte klare Vorgaben, ich arbeitete eng mit einer Lektorin zusammen, ich hatte feste Abgabetermine – durch diese Zusammenarbeit fühlte ich mich zum ersten Mal wie eine Autorin. Glücklicherweise hatte ich es mit einer wunderbaren Lektorin zu tun. Sie war konstruktiv, wertschätzend und geduldig. Ich wurde so behandelt, wie auch ich als Lektorin meine KundInnen behandeln will.
→ als Lektorin:
Sobald ich merke, dass die Autorin/der Autor und ich zusammenpassen, können wir „Nägel mit Köpfen machen“. Jede Autorin/jeder Autor sollte sich klar darüber sein, was er von einem Lektorat erwartet. Umgekehrt weiß auch ich als Lektorin, mit wem ich gut zusammenarbeiten kann – und möchte. Meine WunschkundInnen sind daran interessiert, sich mit ihrem Manuskript auseinanderzusetzen, sie können Verbesserungsvorschläge annehmen und sind auch selbstbewusst genug, ihrer eigenen Intuition zu vertrauen. Denn eine gute Zusammenarbeit bedeutet nicht, dass die Lektorin immer recht hat. AutorIn und LektorIn brauchen genug Vertrauen auf beiden Seiten, um genau darüber sprechen zu können – das Beste entsteht, wenn wir gemeinsam herausarbeiten, was die Geschichte braucht.
Der Punkt, an dem man Hilfe zulässt
Als Autorin bin ich mir sehr bewusst, dass man sein Manuskript nie völlig objektiv sehen kann. In meiner Zusammenarbeit mit Lektorinnen zeigt sich immer wieder, dass ich blinde Flecken habe. Während mir in meiner Rolle als Lektorin auffällt, dass die Protagonistin meiner Autorin ständig lächelt, muss meine Lektorin mir sagen, dass in meinem Roman dauernd Kaffee getrunken wird 😉
Ganz besonders fällt es mir auf, wenn es um die Dramaturgie geht: Habe ich ein Manuskript einer Autorin/eines Autors vor mir, erkenne ich sofort, wo man noch ein paar Stellschrauben anziehen kann, um die Handlung dichter und spannender zu machen. In meinem eigenen Manuskript verliere ich mich immer noch manchmal in Details oder Nebensächlichkeiten. Ich kenne die Figuren, ihre Vorgeschichte, ihre Motive. Ich kenne Szenen, die ich im Kopf hatte, aber gar nicht aufs Papier gebracht habe. Deshalb lese ich halt teilweise nicht mehr das, was da steht, sondern das, was ich weiß. Wenn dann das Manuskript von der Lektorin zurückkommt, kann ich bloß mit dem Kopf schütteln, die Zähne zusammenbeißen und mich an die Überarbeitung machen.
Ich kenne also beide Seiten des Schreibtischs. Und beide haben ihre Berechtigung.
Als Autorin ist der nächste Schritt manchmal nicht, mehr zu können, sondern zu erkennen, wo man selbst nicht mehr weiterkommt. Ich glaube inzwischen, dass man ein eigenes Manuskript bis zu einem gewissen Punkt sehr gut selbst überarbeiten kann. Aber irgendwann braucht es den Blick von außen. Nicht weil man es selbst nicht kann – sondern weil man selbst zu nah dran ist.
Die letzte große Überarbeitung
→ Autorin:
Schwiiierig!!! Das Ding ist: Man ist viel zu nah dran. Man möchte, dass es perfekt ist. Man hat Angst, dass andere etwas Peinliches entdecken könnten … Diese Situation habe ich schon sehr oft erlebt: als ich angefangen habe, für die Lokalzeitung zu schreiben und meine ersten Berichte gedruckt wurden; natürlich bei meinen Büchern; und seit diesem Jahr auch bei meinen Blogartikeln (trotz Judith Peters hilfreichem Mantra „Blog like nobody’s reading“). Veröffentlichen bedeutet immer auch, einen Teil der Kontrolle abzugeben. Es hilft meist, wenn die Texte gegengelesen und gefeedbackt werden. Es hilft – im Falle eines eigenen Buches – Vertrauen in die eigene Lektorin zu fassen. Und machmal muss man sich dann einfach sagen: Augen zu und durch. Irgendwann hilft nur noch ein Satz, den ich mir inzwischen immer wieder vorsage: Better done than perfect. Ein Text, der nie das eigene Dokument verlässt, kann schließlich niemanden erreichen.
→ Lektorin:
Als Lektorin habe ich es leichter. Ich schaue mit Abstand auf das Manuskript. Es ist nicht „mein Baby“, sondern ein Buchprojekt, das ich mit professionellem Abstand betrachten kann und das am Ende natürlich auch LeserInnen finden soll. Mein Wissen und meine jahrelange Erfahrung geben mir ein gutes Fundament, um sagen zu können: Jetzt ist es gut! Als Lektorin ist dieser Satz ein Schlüsselmoment. Denn ich trage die Verantwortung für dieses Urteil. Und da schwingt viel mit: Die Geschichte muss funktionieren. Die Figuren tragen. Die Dramaturgie hält. Die Stimme der Autorin/des Autors ist noch da. Ab diesem Punkt würden Änderungen mehr zerstören als verbessern. Auch als Lektorin muss ich also wissen, wann ich aufhören muss.
Der Moment der Veröffentlichung
→ Autorin:
Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich säße nicht wie auf glühenden Kohlen. Natürlich schaue ich am Anfang sehr regelmäßig, wie sich mein Buch verkauft, ob es Rezensionen gibt und natürlich: welche! Ich sehe es als Vorteil an, dass meine Romane bis jetzt unter Pseudonym veröffentlicht worden sind (bis auf den ersten, bei dem ich Co-Autorin bin). Da tut ein Stern auch weh (leider sind die auch immer ohne Kommentar, also weiß man gar nicht, was genau zu dieser schlechten Beurteilung geführt hat), aber ich mache mich nicht öffentlich angreifbar. Da ich ja noch als Lektorin arbeite, gehe ich nach einer Veröffentlichung allerdings recht schnell in den „business as usual“-Modus über.
→ Lektorin:
Als Lektorin bin ich in diesem Moment in vielen Fällen schon raus. Manche Autoren veröffentlichen ihr Manuskript selbst oder geben diese Dienstleistung an andere ab, manche haben einen Verlag im Hintergrund, der das macht. Wenn ich einen Autor/eine Autorin bei der Veröffentlichung unterstütze, bin ich natürlich auch unmittelbar dabei. Dennoch merke ich, dass ich als Lektorin gelassener sein kann, viel schneller loslassen kann. Meine Aufgabe war, die Geschichte so weit zu begleiten, dass sie bereit ist, in die Welt zu gehen. Danach gehört sie wieder ganz der Autorin/dem Autor.
Erst vor kurzem machte ich allerdings eine wichtige Erfahrung, die mir noch etwas über das Loslassen gezeigt hat:
Ich begleitete einen Autor über zwei Lektoratsdurchgänge hinweg. Ich hatte viele Schwachstellen benannt und ihm konkrete Hinweise für die Überarbeitung gegeben. Danach veröffentlichte er sein Buch selbst. Später erzählte er mir von sehr schlechten Rezensionen und fragte mich, ob sich das nicht schon während des Lektorats hätte absehen lassen.
Diese Frage hat mich beschäftigt. Denn natürlich kann ein Lektorat keine Garantie dafür geben, wie ein Buch von LeserInnen aufgenommen wird. Und die Entscheidung, wann ein Manuskript veröffentlicht wird, liegt bei der Autorin oder beim Autor.
Trotzdem habe ich aus dieser Erfahrung etwas gelernt: Wenn ich erkenne, dass ein Manuskript noch einen weiteren Überarbeitungsschritt braucht, muss ich das auch ausdrücklich sagen. Nicht nur zeigen, was noch nicht funktioniert, sondern klar benennen, was das für die Veröffentlichungsreife bedeutet. Seitdem gehört für mich zu einem guten Lektorat deshalb auch die Frage: Wo stehen wir gerade – und was braucht dieses Manuskript noch, bevor es seinen Weg in die Welt antreten kann?
Fazit
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg als Autorin und auf die Wege meiner KundInnen schaue, glaube ich: Die Schlüsselmomente sind gar nicht so unterschiedlich. Immer wieder geht es darum, etwas sichtbar werden zu lassen, Hilfe anzunehmen, Entscheidungen zu treffen und irgendwann loszulassen.
Als Autorin muss ich lernen, meiner Geschichte zu vertrauen. Als Lektorin darf ich lernen, darauf zu vertrauen, dass ich sie gemeinsam mit der Autorin so weit begleiten kann, dass sie ihren eigenen Weg in die Welt findet.
Und dann heißt es irgendwann: Loslassen.
Das Buch ist fertig. Jetzt gehört die Geschichte nicht mehr uns. Jetzt gehört sie den LeserInnen.

Tolle Idee, die einzelnen Momente aus zwei Perspektiven zu beleuchten! Vielen Dank für diesen schönen Beitrag zu meiner Blogparade.
Viele herzliche Grüße
Lily
Und ich danke dir, liebe Lily, für diese wichtige Frage!
Liebe Grüße zurück