Willkommen in einer der heißesten Dauerdebatten in der AutorInnen-Community: Plotten oder Pantsen – was ist besser? Meine ehrliche Antwort als Lektorin: Es kommt darauf an. Worauf genau, darüber schreibe ich hier.

Was ist Plotten?

Plotter planen ihr Buch, bevor sie schreiben. Sie kennen Anfang, Mitte und Ende, arbeiten mit Charakterbögen, Szenenlisten oder Kapitelplänen. Manche skizzieren sogar jede Wendung im Voraus.

Was ist Pantsen?

Pantser – der Begriff kommt vom englischen „flying by the seat of your pants“, also frei übersetzt: nach Gefühl fliegen – schreiben intuitiv drauflos. Ohne festen Plan entwickelt sich die Geschichte erst während des Schreibens.


Was ist der Unterschied zwischen Plotten und Pantsen?

Das typische Plotter-Manuskript

Gut geplante Manuskripte haben eine klare Struktur. Die Handlungsbögen greifen ineinander, Foreshadowing zahlt sich aus, Nebenfiguren haben erkennbare Funktionen. Als Lektorin fühlt sich das an wie ein ordentlich gebautes Haus: Man weiß, wo man ist, und die Wände stehen gerade.

Aber: Manchmal fehlt diesen Texten das Feuer. Der Plot funktioniert – die Figuren fühlen sich jedoch an wie Schachfiguren, die ihren vorgesehenen Zug machen. Dialog klingt konstruiert. Emotionale Wendepunkte wirken inszeniert statt erlebt.

Im Lektorat arbeiten wir bei einem Plotter-Text oft an der emotionalen Tiefe, an Natürlichkeit und daran, die Figuren natürlich und lebendiger zu machen.

Das typische Pantser-Manuskript

Pantsers bringen oft etwas mit, das sich nicht erzwingen lässt: Lebendigkeit. Figuren überraschen, Szenen haben Energie, der Ton ist authentisch. Man spürt, dass die Autorin oder der Autor selbst nicht wusste, was als nächstes passiert – und genau das macht die Lektüre manchmal aufregend.

Aber: Dann gibt es Kapitel 14. Oder Kapitel 22. Irgendwo in der Mitte verliert sich die Geschichte. Nebenstränge werden aufgemacht und nicht geschlossen. Eine Figur, die in Teil eins wichtig war, verschwindet lautlos. Das Ende wirkt, als wäre der Autorin oder dem Autor die Luft ausgegangen. Ich nenne das das „Dschungel-Problem“: viel Wachstum, aber kein Weg durch.

Beim Pantser-Text arbeiten wir oft an der Struktur, an Konsequenz und daran, zu entscheiden, was wirklich zur Geschichte gehört – und was ein spannendes Experiment war, das jetzt gestrichen werden muss.


Wann ist Plotten besser – und wann Pantsen?

Das hängt nicht nur von der Vorliebe des Autors oder der Autorin ab, sondern auch von der Art deiner Geschichte:

Plotten kann besonders hilfreich sein bei komplexen Geschichten mit vielen Figuren, Zeitsprüngen oder Mystery-Elementen.

Pantsen funktioniert oft gut bei charaktergetriebenen Stoffen oder dann, wenn AutorInnen kreative Freiheit brauchen, um überhaupt in den Schreibfluss zu kommen.


Zu welcher Gruppe zählen sich bekannte AutorInnen?

Es gibt einige bekannte AutorInnen, die sich klar als Plotter oder Pantser positioniert haben – oft in Interviews oder Aufsätzen.

Bekannte Plotter

  • J.K. Rowling (Harry-Potter-Reihe) hat öffentlich erklärt, dass sie umfangreiche Tabellen und Zeitpläne erstellt, bevor sie schreibt.
  • Joseph Heller (Catch-22) beschrieb, wie er Szenen detailliert skizzierte und umstrukturierte.
  • Margaret Atwood plant ihre dystopischen Romane wie The Handmaid’s Tale mit Karten und Notizen.

Bekannte Pantser

  • Stephen King (Carrie, The Shining) sagt: „I’m a pantser. I don’t outline at all.“ Stattdessen lässt er die Geschichte „sich entfalten“.
  • Haruki Murakami schreibt täglich ohne Plan und entdeckt die Handlung erst im Prozess.

Hybride Ansätze

Neil Gaiman bewegt sich – wie viele AutorInnen – irgendwo dazwischen.. Er wechselt die Arbeitsweise je nach Projekt: „I’ve done both. Sometimes I plot, sometimes I pants.“


Diese Zitate zeigen, dass kein Ansatz „richtig“ ist – es hängt vom Projekt und der Persönlichkeit ab.


Warum ich dir nie raten würde, dich entweder fürs Plotten oder fürs Pantsen zu entscheiden

Ich sage niemandem, wie er oder sie schreiben soll. Das ist nicht meine Aufgabe, und ich glaube auch nicht daran, dass ein Schreibprozess „richtig“ oder „falsch“ ist. Aber ich gebe dir hier ein paar Denkanstöße mit auf den Weg:

1. Kenne deine Schwachstellen.

Wenn du ein Pantser bist und deine Geschichte im Mittelteil eingeschlafen ist – dann ist das ein Muster. Du brauchst nich unbedingt eine vollständige Outline, aber vielleicht würde dir ein grober Kompass helfen: Wo bin ich in Kapitel 15? Wo will ich in Kapitel 30 sein?

Wenn du ein Plotter bist und deine Testleser sagen, die Figuren fühlen sich hölzern an – dann erlaube dir Abweichungen. Dein Plan ist ein Gerüst, kein Gefängnis.

2. Struktur und Spontaneität schließen sich nicht aus. Die meisten Schreibenden sind irgendwo in der Mitte. Sie wissen, wohin die Reise geht – aber sie erlauben sich, unterwegs überraschende Entdeckungen zu machen. Ein grobes Drei-Akt-Gerüst oder ein paar Wendepunkte können einem Pantser enorm helfen, ohne ihm die Freude am Schreiben zu nehmen.

3. Experimentiere.

Hast du bis jetzt immer drauflosgeschrieben? Versuch mal, für dein nächstes Projekt drei Sätze pro Kapitel zu skizzieren – nicht mehr.

Hast du bis jetzt immer alles geplant? Schreib mal ein Kapitel, ohne vorher zu wissen, wie es endet. Lass dich überraschen, was du dabei über dich lernst.


Mein Fazit:

Plotten oder Pantsen? Es gibt kein objektiv besseres System. Es gibt nur das System, das dir hilft, ein Buch zu schreiben, das die LeserInnen fesselt.

Die besten Manuskripte kommen nicht von überzeugten Plottern oder leidenschaftlichen Pantsern. Sie kommen von Autorinnen und Autoren, die sich selbst kennen – die wissen, wo sie Unterstützung brauchen, und die bereit sind, ihr Handwerk weiterzuentwickeln.

Du musst deinen Schreibprozess nicht komplett verändern, um bessere Geschichten zu schreiben. Oft reicht es, die eigenen blinden Flecken zu erkennen.

Genau dabei unterstütze ich AutorInnen als Lektorin: strukturell, stilistisch und immer passend zum jeweiligen Schreibtyp. Wenn du Fragen hast zu deinem Schreibprozess oder deinem Manuskript? Schreib mir gerne – ich freue mich auf den Austausch. Hier findet ihr meine Kontaktseite.