Es gibt diese Dinge, die uns so leicht fallen, dass wir sie gar nicht für etwas Besonderes halten. Etwas, das wir richtig gut können – und das wir trotzdem lange übersehen, kleinreden oder für selbstverständlich halten. Um solche verborgenen Stärken geht es in der Blogparade von creative coach Anja Dix. Sie fragte ihre TeilnehmerInnen: Was kannst du richtig gut – und hast es lange nicht gewusst? Ich musste über diese Frage eine Weile nachdenken. Bis mir plötzlich zwei Bilder in den Sinn kamen, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben: mein Ausbilder während des Zeitungsvolontariats – und Michelangelo.

Das bereitet dir offensichtlich keine Schwierigkeiten

Während meiner Ausbildung im Zeitungsvolontariat musste ich einmal einen ganzen Vormittag lang Pressemitteilungen redigieren: Verlautbarungen vom Landratsamt, vom Stadtsprecher, von der Polizei. Keine Aufgabe, von der man als angehende Redakteurin träumt – aber eine, bei der man das Handwerk von Grund auf lernte.

Ich strich Überflüssiges, glättete Formulierungen und beseitigte sprachliche Stolpersteine. Als ich den Text meinem Ausbilder zurückgab, schaute er kurz darüber, nickte und sagte fast beiläufig:

„Das bereitet dir ja offensichtlich keine Schwierigkeiten.“

Damals maß ich diesem Satz keine große Bedeutung bei. Ich dachte: Na ja, ich habe eben ein gutes Sprachgefühl. Das gehört doch zu diesem Beruf.

Heute, mehr als zwanzig Jahre später, weiß ich, dass Herr M. etwas erkannt hatte, das ich selbst noch gar nicht sehen konnte. Er sah nicht nur, dass mir das Redigieren leichtfiel. Er ahnte etwas von der Fähigkeit dahinter – einer Fähigkeit, deren eigentliche Bedeutung ich erst viele Jahre später verstehen sollte.

Was uns leichtfällt, halten wir oft für selbstverständlich

Kennst du das auch? Es gibt Fähigkeiten, über die man nie groß nachdenkt. Sie kosten keine besondere Anstrengung. Deshalb erscheint es einem fast selbstverständlich, dass andere sie genauso haben.

Mir ging es lange so. Texte zu redigieren – seien es besagte Pressemitteilungen, aber auch Artikel von Kollegen, von freien Mitarbeitern oder von Schriftführern aus Vereinen – gehörte bald zu meinem Redaktionsalltag. Während manche Kollegen das Redigieren möglichst schnell hinter sich bringen wollten, ertappte ich mich dabei, dass ich daran fast Freude hatte. Ich sah es als kleine Herausforderung an, holprige Formulieren aufzuspüren, Sachverhalte prägnanter zu erklären, Wiederholungen zu streichen. Damals glaubte ich noch, meine Freude gelte der Sprache. Heute weiß ich, dass mich etwas ganz anderes faszinierte: der Moment, in dem aus einem unfertigen Text ein stimmiger wurde.

So richtig gingen mir die Augen tatsächlich erst auf, als ich die Zeitungsredaktion verließ, den Schritt in die Selbständigkeit wagte und als freie Lektorin in die Welt der Bücher eintauchte. Jetzt waren die Texte, die ich bearbeiten sollte, länger, komplexer und sprachlich viel individueller, als ich es bis dahin gewohnt war. Mir wurde klar, dass Redigieren nur der Anfang gewesen war. Hinter den Worten wartete noch etwas ganz anderes.

Eigentlich suche ich keine Fehler, sondern lege Geschichten frei

Durch meine Arbeit mit Autorinnen und Autoren wird mir immer klarer: Mich interessiert viel weniger, was an einem Text nicht funktioniert – mich interessiert, was in ihm bereits angelegt ist.

Ich sehe den roten Faden, wenn er sich noch zwischen vielen Einzelteilen versteckt. Ich spüre, wenn eine Figur etwas anderes braucht, als der Text ihr bislang erlaubt. Und ich liebe es, Autorinnen und Autoren dabei zu begleiten, genau das selbst zu entdecken.

Oft sind es gar nicht meine Anmerkungen, die dabei helfen – es sind Fragen:

  • Fragen, die einen neuen Blick ermöglichen.
  • Fragen, die Zusammenhänge sichtbar machen.
  • Fragen, die etwas freilegen, das längst vorhanden war.

Es gibt kaum einen schöneren Moment in meinem Beruf als den, in dem ein Autor plötzlich innehält und sagt: „Jetzt verstehe ich endlich, worum es in meiner Geschichte wirklich geht.“

Dank wundervoller Rückmeldungen erkenne ich langsam aber sicher auch an, dass ich es nicht nur liebe, Geschichten freizulegen, sondern dass ich das auch richtig gut kann:

„Mit einigen ‚harmlos‘ klingenden Fragen hat Bettina mich unterstützt, wie von selbst aus einer losen Idee und ein paar enthusiastisch hingekritzelten Notizen eine sechsteilige Reihe zu entwickeln, die dann auch gleich bei einem großen Verlag landete.“

Als ich diese Zeilen von Kirsten Harder las, bekam ich eine Gänsehaut. Nicht (nur), weil da so viel Wertschätzung drin steckt. Sondern weil sie mir erlaubten, mich selbst mit den Augen einer anderen zu sehen. Zum ersten Mal konnte ich meine eigene Stärke so klar erkennen, wie sie andere offenbar schon längst gesehen hatten.

Eine Skulptur steckt schon im Stein und auch eine Geschichte ist bereits da

Während ich diesen Blogartikel schreibe, fällt mir etwas auf. Immer wieder lande ich bei denselben drei Wörtern:

  • erkennen
  • entdecken
  • freilegen

Und damit kommen wir zu Michelangelo. Du erinnerst dich? Er kam mir als zweites in den Sinn, als ich mir überlegte, was meine Stärke ist. Michelangelo soll nämlich sinngemäß gesagt haben, dass eine Skulptur bereits im Marmor verborgen sei. Die Aufgabe des Bildhauers bestehe lediglich darin, alles wegzunehmen, was nicht zu ihr gehört.

Ob das Zitat nun wortwörtlich so gefallen ist oder nicht – das Bild hat mich tief berührt. Und ich fragte mich: Was, wenn es sich mit Geschichten ganz ähnlich verhält?

Mittlerweile ist meine Antwort: Ja, auch Geschichten sind schon da, wenn AutorInnen sie mir anvertrauen. Sie zeigen sich manchmal noch zaghaft, verstecken sich hinter Umwegen, zu vielen Figuren oder einer Szene, die noch nicht ganz ihren Platz gefunden hat.

Meine Aufgabe ist es nicht, sie neu zu erfinden. Ich darf helfen, sie freizulegen. Und das kann ich richtig gut.

Vielleicht geht es dir ähnlich

Die Stärke, die dich besonders macht, ist oft nicht die, auf die du selbst am stolzesten bist. Vielleicht ist es gerade die Fähigkeit, die dir so leichtfällt, dass du sie kaum bemerkst.

Vielleicht hat dir schon einmal jemand gesagt: „Das kannst du richtig gut.“ Und vielleicht hast du nur mit den Schultern gezuckt.

Ich bin froh, dass ich den Satz meines Ausbilders heute anders höre als damals.

Denn inzwischen weiß ich: Manche Stärken erkennt man erst, wenn man aufhört, sie für selbstverständlich zu halten. Danke, liebe Anja, für diesen Denkanstoß, den dein Blogparaden-Thema enthält.