Ist dir schon aufgefallen, dass wir unser Leben oft in Kapiteln denken? Häufig verwenden wir Formulierungen wie „Das war ein Wendepunkt“, „Damals begann ein neuer Abschnitt“ oder „Ich stecke gerade mitten in einer Umbruchsphase“. Wenn wir so sprechen, denken wir bereits wie ein Dramaturg/eine Dramaturgin! Genau diese Muster kannst du als RomanautorIn nutzen, um deine Geschichten spannend und glaubwürdig zu erzählen.

Besonders bekannt sind zwei Modelle: die Heldenreise und die Heldinnenreise. Beide beschreiben Veränderungsprozesse – allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wer ihre Grundidee versteht, erkennt schnell, warum sie beim Romanschreiben so wertvoll sein können.

Die Heldenreise: Was muss ich überwinden, um mich zu verändern?

Ursprung

Kaum ein Dramaturgiemodell hat das moderne Erzählen so geprägt wie die Heldenreise. Viele Bestseller und Blockbuster folgen ihr – oft, ohne dass wir es beim Lesen oder Zuschauen bewusst merken.

Joseph Campbell entwickelte das Konzept des Monomythos auf Grundlage weltweiter Mythen. Später übertrug es unter anderem Christopher Vogler auf das Erzählen moderner Geschichten.

Grundidee

Die Heldenreise funktioniert deshalb so gut, weil sie kein starres Schema beschreibt, sondern einen universellen menschlichen Prozess, den wir intuitiv verstehen: Wir verlassen Bekanntes, bestehen Prüfungen und kehren verändert zurück.

Für Autorinnen und Autoren ist sie deshalb weit mehr als eine Checkliste – sie hilft dabei, den inneren Wandel der Figuren sichtbar zu machen.

Als Lektorin frage ich oft: An welcher Stelle beginnt sich die Figur wirklich zu verändern?

Die Theorie klingt zunächst abstrakt. Ein Blick auf die einzelnen Stationen macht aber schnell klar, wie der Weg der Hauptfigur aufgebaut ist:

Typische Stationen

  • Gewohnte Welt
  • Ruf zum Abenteuer
  • Weigerung
  • Mentor
  • Überschreiten der Schwelle
  • Tests, Verbündete, Feinde
  • Die innerste Höhle
  • Die entscheidende Prüfung
  • Belohnung
  • Rückweg
  • Auferstehung
  • Rückkehr mit dem Elixier

Einsatz beim Romanschreiben

Hilft, einen Spannungsbogen aufzubauen und die Entwicklung der Hauptfigur sichtbar zu machen. Gerade wenn ein Manuskript „irgendwie nicht richtig in Fahrt kommt“, lohnt sich ein Blick auf die Heldenreise. Oft zeigt sich schnell, an welcher Stelle die Figur zu lange zögert oder warum die Entwicklung noch nicht überzeugend wirkt.

Aber bitte keinen Stress: Kein Roman muss jede Station lehrbuchmäßig abhaken. Die Heldenreise ist für mich eher eine Landkarte als ein Fahrplan. Sie zeigt mögliche Wege, schreibt sie aber nicht vor.

Besonders häufig begegnet uns dieses Modell in folgenden Genres:

  • Fantasy (In Der Herr der Ringe von J.R.R. Tolkien verlässt Frodo seine gewohnte Welt, besteht Prüfungen und kehrt verändert zurück.)
  • Abenteuer (In Die Reise zum Mittelpunkt der Erde von Jules Verne verlässt Axel seine vertraute Welt, besteht gemeinsam mit seinem Onkel lebensgefährliche Prüfungen und kehrt mit neuem Wissen und gewachsenem Selbstvertrauen zurück.)
  • Jugendroman/Coming-of-Age (In Tschick von Wolfgang Herrndorf verändert die Reise die Figuren nachhaltig und führt zu persönlichem Wachstum.)
  • Krimi – oft in abgeschwächter Form, weil dort eher ein Ermittlungsprozess erzählt wird als eine Heldenreise (In Der Name der Rose von Umberto Eco gerät Adson an der Seite seines Mentors Wilhelm von Baskerville in eine rätselhafte Welt voller Gefahren und verlässt sie mit einem tiefgreifenden Erkenntnisgewinn über Wahrheit, Wissen und den Menschen.)

Mögliche Schwächen

Wenn die Stationen zur starr abgearbeitet werden, wirkt die Geschichte schnell schematisch. Deshalb arbeite ich mit diesem Modell nie nach dem Motto „Haken dran“.

Gute Geschichten entstehen nicht, weil sie einem Modell folgen. Die Heldenreise soll deiner Geschichte dienen – nicht deine Geschichte der Heldenreise.


Die Heldinnenreise: Welche Teile von mir muss ich wieder integrieren, um ganz zu werden?

Ursprung

Entwickelt von Maureen Murdock als Antwort auf Campbells Heldenreise.

Die Heldinnenreise ist keine „Heldenreise für Frauen“. Sie stellt vielmehr andere Fragen. Während die Heldenreise häufig einen äußeren Aufbruch beschreibt, richtet sich der Blick hier stärker nach innen: auf Identität, Zugehörigkeit und innere Ganzheit.

Grundidee

Die Hauptfigur sucht weniger einen äußeren Sieg als eine innere Ganzwerdung. Oft geht es um Identität, Zugehörigkeit und die Versöhnung verschiedener Persönlichkeitsanteile. Dabei stehen das „Männliche“ und das „Weibliche“ nicht für Geschlechter, sondern für unterschiedliche Werte, Erfahrungen und innere Haltungen.

Ich empfehle dieses Modell besonders AutorInnen, deren Figuren vor allem innerlich wachsen. Gerade in leisen Geschichten hilft die Heldinnenreise oft dabei, Entwicklungen sichtbar zu machen, die sich weniger über äußere Ereignisse als über innere Entscheidungen erzählen.

Typische Stationen

(je nach Modell leicht unterschiedlich)

  • Trennung vom Weiblichen
  • Identifikation mit äußeren Erfolgsmaßstäben
  • Prüfungen
  • Trügerischer Erfolg
  • spirituelle oder emotionale Krise
  • Abstieg/innere Konfrontation
  • Sehnsucht nach dem Weiblichen/Meeting with the Goddess
  • Heilung/Reconciliation
  • Integration
  • Ganzheit

Einsatz beim Romanschreiben

Besonders hilfreich für Geschichten, in denen die innere Entwicklung wichtiger ist als die äußere Handlung.

Zum Beispiel für:

  • Entwicklungsromane (In Jane Eyre von Charlotte Brontë kämpft die Protagonistin nicht darum, ein Abenteuer zu bestehen, sondern darum, sich selbst treu zu bleiben.)
  • Frauenliteratur (In Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger stehen die emotionale Entwicklung und die Suche nach dem eigenen Platz im Mittelpunkt.)
  • Coming-of-Age (Meggies Entwicklung in Tintenherz von Cornelia Funke enthält viele Aspekte der Heldinnenreise wie Selbstfindung, Entdeckung der eigenen Fähigkeiten, Integration verschiedener Rollen.)
  • autofiktionale Stoffe (In Das Jahr des magischen Denkens von Joan Didion liegt der Fokus auf innerer Verarbeitung, Sinnsuche und Integration von Erfahrungen.)
  • literarische Romane (In Die Wand von Marlen Haushofer tritt die äußere Handlung zugunsten einer tiefgreifenden inneren Entwicklung zurück.)

Mögliche Schwächen

Wird manchmal zu stark psychologisch gelesen und bietet weniger Orientierung für handlungsgetriebene Stoffe.


Warum diese Modelle auch außerhalb von Romanen faszinieren

Diese Phasen sind nicht nur Werkzeuge für fiktionale Figuren – wir durchleben sie auch selbst. Frag dich doch einmal:

  • Bin ich gerade noch in meiner gewohnten Welt?
  • Stehe ich vor einem Aufbruch?
  • Befinde ich mich mitten in einer Krise?
  • Oder bereits in einer Phase der Integration?

In manchen Geschichten steht der Aufbruch im Mittelpunkt. In anderen das Ankommen. Beides sind Wege der Veränderung – und beide können zu großartigen Romanen führen.

Wenn du als AutorIn weißt, in welcher Phase du dich selbst im Leben befindest, verstehst du oft auch deine Figuren besser. Eigene Erfahrungen ersetzen keine Dramaturgie – aber sie verleihen ihr Tiefe.


Ein persönlicher Einblick

Auch ich befinde mich gerade in einem ganz bestimmten Kapitel meines Lebens. Welches das ist und warum ich es „Angekommen“ nenne, erzähle ich dir in meinem persönlichen Artikel. Dort lade ich dich auch herzlich ein, bei meiner Blogparade mitzumachen. Mein Thema lautet: Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie würde das aktuelle Kapitel heißen?