Eigentlich wusste ich ja schon in der Grundschule, dass ich auch mal Bücher schreiben wollte – wie Enid Blyton. Aber ich habe mich nicht getraut. Immerhin ziehen sich Themen wie Sprache, Bücher, Lesen und Schreiben wie ein roter Faden durch mein Leben. Doch es musste viel passieren, bis ich schließlich – mit 50 – die Kurve gekriegt habe. Meine Lebensgeschichte hat einige krasse Kapitel – umso mehr schätze ich das aktuelle. Ich überschreibe es mit „Angekommen“. Weil ich jetzt dort bin, wo mein Grundschul-Ich immer hinwollte. Und weil sich das so richtig anfühlt.
Was bisher geschah …
Wenn mein Leben ein Buch wäre, dann würde ich beim Vorlesen am liebsten ein Kapitel auslassen. Jenes, das von den letzten elf Jahren im Leben meines Mannes handelt und am 14. Februar 2012 mit einer Hirnblutung beginnt. In diesem Kapitel wurde mein Ich ganz weit in den Hintergrund gedrängt. Die Hauptrollen spielten die Krankheitsfolgen, die Versuche, zu retten, was noch zu retten war, die Pflege und die Betreuung meines Mannes. Nebenher zog ich unseren Sohn groß und versuchte, den Rest an Familienleben, der noch möglich war, am Laufen zu halten.
In dieses dunkle Kapitel fiel auch der Frust mit meinem Angestellten-Dasein. Immer deutlicher wurde mir, dass ich an einem Beruf als Journalistin und an einer Tätigkeit in der Tageszeitung festhielt, die längst nicht mehr zu mir passten. Doch ich hatte weder die Kraft, noch den Mut, noch die Kapazität, auch in diesem Lebensbereich einen Cut zu machen.
Wie in jedem guten Roman kam dann aber doch ein Wendepunkt. Ich erhielt ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte … Von wegen! Das ist eine andere Geschichte … In meinem Fall war es so: Ich erhielt eine Änderungskündigung, die ich nicht annehmen konnte. Und erlebte ein Offboarding, das als „grottenschlecht“ zu bezeichnen eine Beschönigung wäre. Danach war ich nach 20 Jahren Festanstellung arbeitssuchend. Ein Kapitel war abrupt beendet.
Wenn das mal nicht der Punkt in einer Geschichte ist, in der sich der Held/die Heldin auf den Weg machen muss, ob er oder sie es nun will oder nicht.
Der Verlust meines Arbeitsplatzes hat mich direkt in ein Übergangskapitel katapultiert. Ich war Mitte 50 und fragte mich, was ich jetzt tun konnte – vor allem aber, was ich jetzt tun wollte. Ein Berufsberater bei der Agentur für Arbeit unterstützte mich dabei!
So kam ich zur Buch Akademie Berlin (heute: Skriptkolleg) und in den Genuss einer zertifierten Weiterbildung zur Autorin, Lektorin und Dramaturgin. Im Mai 2024 machte ich mich selbständig. Zu der Zeit hatte ich Lektoratsanfragen und einen Verlagsvertrag als Ghostwriterin im Posteingang. Voller Begeisterung begann ich ein neues Kapitel.
Mein aktuelles Kapitel: Angekommen
Und jetzt? Bin ich selbstständig. Das bedeutet im Klartext: Ich mache ab sofort genau das, was ich schon immer wollte – schreiben und lektorieren. Ich kann morgens um elf im Nachthemd auf der Terrasse die besten Plot-Twists kreieren oder nachts vom Schreibtisch aus meine Protagonistin in eine tiefe Krise stürzen lassen. Das interessiert keinen und muss auch keinen interessieren. Ich arbeite wie ich will, wann ich will, wo ich will – und vor allem: mit wem ich will. Mein Schreibtisch ist überall da, wo mein Laptop aufklappt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlt sich Arbeit nach meinem Leben an – und nicht umgekehrt.
Natürlich gibt es auch die Kehrseite. Ich bin jetzt für alles selbst verantwortlich. Vom Marketing bis zur Steuererklärung, vom Erfolg bis zum potenziellen Scheitern – alles landet auf meinem Tisch. Manche sehen darin eine Hürde oder eine ständige Bedrohung. Ich nicht. Für mich ist es das größte, spannendste Lernfeld meines Lebens.
Das Schönste daran ist die Verschiebung eines einzigen kleinen Wortes in meinem Kopf: Ich muss nicht mehr. Ich darf. Jeden Morgen darf ich die Karten neu mischen und mich fragen: Was will ich eigentlich heute? Wie sieht mein idealer Arbeitstag aus? Mit welchen Kundinnen und Kunden möchte ich zusammenarbeiten – und welche passen einfach nicht zu mir?
Diese Selbstbestimmung empfinde ich nicht als Belastung, sondern als Geschenk. Früher wurde mein Arbeitstag von außen bestimmt. Heute gestalte ich ihn selbst. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich das Gefühl, meine Geschichte wieder selbst weiterzuschreiben.
Jetzt bin ich Ende 50 und habe das Gefühl, beruflich noch einmal ganz von vorn anzufangen – nur mit deutlich mehr Erfahrung im Gepäck. Ich lerne jeden Tag dazu. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich große Lust darauf habe, Neues auszuprobieren.
Ich bin angekommen – bei mir selbst. Und habe das Gefühl, dass die spannendsten Kapitel erst noch vor mir liegen. Anscheinend musste mir erst einmal das Heft aus der Hand genommen werden, damit ich mich auf die Hinterbeine stellte und nun selbst wieder an der Fortsetzung schreiben will.
Die Learnings oder Was ich gelernt habe
- Träume verschwinden nicht – sie warten manchmal Jahrzehnte.
- Manchmal beginnt das beste Kapitel genau dort, wo man glaubt, alles verloren zu haben.
- Selbstständigkeit bedeutet für mich nicht Freiheit von Arbeit, sondern Freiheit in der Arbeit.
- Es ist nie zu spät, das Leben zu beginnen, das man sich als Kind vorgestellt hat.
Die Earnings oder Was ich geenrtet habe
- innere Ruhe statt ständiger Anspannung
- neues Selbstvertrauen
- das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu tun
- Freude am Schreiben
- endlich wieder Autorin zu sein
Ein paar Worte an mein Grundschulkind
Wenn ich meinem Grundschul-Ich heute begegnen könnte, würde ich sagen: Es hat länger gedauert als gedacht. Es gab Kapitel, die wir beide nie freiwillig geschrieben hätten. Aber am Ende bist du tatsächlich dort angekommen, wo du immer sein wolltest.
Wenn DEIN Leben ein Buch wäre, wie würde dann DEIN aktuelles Kapitel heißen?
Jedes Leben ist ein Buch, und du hältst die Feder in der Hand. Ich möchte von dir wissen: Wo steckst du gerade drin? Welche Zeilen schreibst du im Moment?
Ich lade dich herzlich zu meiner Blogparade ein! Schnapp dir die Tastatur und erzähle mir: Wenn dein Leben ein Buch wäre, wie würde dein aktuelles Kapitel heißen? Welchen Ton schlägst du an? Ist es ein Cliffhanger, ein Neuanfang oder ein gemütliches Zwischenkapitel? Ich bin sooo gespannt auf eure Geschichten!
Hier findest du alle Informationen zu meiner Blogparade und wie du mitmachen kannst: Einladung zur Blogparade.
Wie diese Phasen theoretisch im Schreibhandwerk funktionieren, erkläre ich dir übrigens in diesem Blogartikel anhand der Modelle der Heldenreise bzw. der Heldinnenreise.
